«Als wäre er seit längerem im Amt»
Herr Wirth, Sie konnten die Bundesratswahl am Mittwoch auf der Tribüne im Bundeshaus mitverfolgen. Simonetta Sommaruga und Johann Schneider-Ammann sind gewählt – für Sie die richtigen Bundesräte?
Thomas Wirth: Ich denke ja. Johann Schneider-Ammann hat für mich von Beginn seiner Kandidatur an einen souveränen Eindruck gemacht und stand am Rednerpult, als wäre er seit längerem im Amt. Und Simonetta Sommaruga war beim SP-Zweierticket meine Favoritin.
Wie kommt man am Tag einer Bundesratswahl dazu, auf der Tribüne sitzen zu können?
Wirth: Am diesjährigen EVP-Grillplausch hatten wir Maja Ingold, eine unserer Nationalrätinnen, zu Gast. Ich fragte sie, ob sie mich auf die Warteliste für einen Platz setzen könne und war sehr glücklich darüber, dass es klappte – die Plätze sind heiss begehrt.
Wie haben Sie den Wahltag erlebt?
Wirth: Es ist schon etwas Besonderes, Bundesrats-Ersatzwahlen live miterleben zu können. Spannend ist, die Polit-Prominenz aus der Nähe zu sehen – etwa Hans-Rudolf Merz, wie er als alt Bundesrat aus dem Bundeshaus kam und das Bad in der Menge sichtlich genoss. Oder Moritz Leuenberger, der in seiner Abschiedsrede sein rhetorisches Können bewies und Lacher provozierte.
Man hört von der speziellen Atmosphäre in der Wandelhalle, im Saal der Vereinigten Bundesversammlung. Wie haben Sie das empfunden?
Wirth: In die Wandelhalle konnte ich diesmal nicht, kenne sie aber von anderen Besuchen im Bundeshaus. Und es ist schon so: Die Atmosphäre ist speziell, und gerade auch mit den Gemälden sowie dem grossen Balkon mit herrlichem Blick über Bern irgendwie urschweizerisch.
Hat sich die Anspannung im Saal auf Sie übertragen?
Wirth: Ja. Als nach dem vierten Wahlgang immer noch kein Ersatz für Bundesrat Merz gewählt war, war die Spannung greifbar, die Hektik war unter den Parteien zu spüren, die nochmals ihre Köpfe zusammenstreckten und letzte Strategien besprachen.
Wie gross waren die Sicherheitsvorkehrungen rund ums und im Bundeshaus?
Wirth: Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm – und sie haben funktioniert. Als ich einmal kurz meinen Bereich verliess und zu nahe am Nationalratssaal stand, wurde ich freundlich zurückbegleitet.
Was erwarten Sie nun von den zwei neu gewählten Bundesräten?
Wirth: Ich erwarte von den neuen Bundesräten, dass sie sachlich und überlegt an die Dossiers und Geschäfte herangehen und ihren Teil zur Lösung der Herausforderungen der Schweiz beitragen. Sie sollten integrativ sein, nicht polarisierend. Aber da habe ich volles Vertrauen.
Sie selbst sitzen seit drei Jahren im Dietiker Parlament, stehen der Orts-EVP vor. Welche politischen Ambitionen haben Sie für die Zukunft?
Wirth: Ich finde die Lokalpolitik spannend, weil sie so unmittelbar ist und man sich kennt. Und auch in meiner Parteiarbeit in Dietikon gibt es noch viel grüne Wiese. Ich werde auf der Kantonsratsliste stehen, deren Wahlkommission ich präsidiere. Aber neben der Politik habe ich noch meinen Job als Marketingverantwortlicher, der mir viel Spass macht, und natürlich meine Familie. Da ist es wichtig, dass das Gesamtpaket stimmt. Und mit 44 Jahren muss ich noch keine Torschlusspanik haben.
Das Interview mit Thomas Wirth führte Matthias Kessler.
Es ist am 23. Sept. 2010 in der Limmattaler Zeitung erschienen.




