11.07.2011 | Gemeinderat

Die Schulsozialarbeit fehlt an allen Ecken und Enden

Aufgrund einer Interpellation von EVP-Gemeinderat Thomas Wirth zieht der Stadtrat erstmals ein ausführliches Fazit über die Auswirkungen der eingestellten Schulsozialarbeit. Das Fazit fällt niederschmetternd aus.

«Die Mehrbelastung durch das Wegfallen der Schulsozialarbeit ist ein Faktum und führt notgedrungen zu Abstrichen an der Arbeitsqualität der Mitarbeitenden»: In der Antwort auf eine Interpellation von Gemeinderat Thomas Wirth (EVP) findet der Dietiker Stadtrat deutliche Worte. Die Bestandesaufnahme durch den Stadtrat zeigt, dass die Schulsozialarbeit, deren Weiterführung Ende 2009 an der Urne abgelehnt wurde, eine grosse Lücke an den Dietiker Schulen hinterlässt. Das Fazit des Berichts: «Der Grundtenor der Schuleinheiten ist: Die Sozialarbeit fehlt an allen Ecken und Enden.»

Wirth wollte rund ein Jahr nach der Einstellung des Programms, das seit 2002 der niederschwelligen Kinder- und Jugendhilfe vor Ort diente, über die Auswirkungen informiert werden. Neben einer allgemeinen Einschätzung der Situation ohne Schulsozialarbeit interessierte ihn, wer vom Mehraufwand besonders betroffen ist, welche Kosten dadurch entstanden sind, und wer nun die Verantwortung für Präventionsprojekte trägt.

 

«Massive Mehrarbeit»

In seiner Antwort weist der Stadtrat besonders auf die mangelnden Zeitressourcen hin, die seit der Streichung der Schulsozialarbeit verschiedene Instanzen der Schuleinheiten betreffen. Die Zuständigkeitsbereiche der Schulsozialarbeit werden seit Anfang 2010 auf Lehrpersonen, Schulleitungen, den Schulpsychologischen Dienst sowie die Jugend- und Familienberatung verteilt. Die «massive Mehrarbeit», die dadurch für die einzelnen Instanzen entstehe, führe notgedrungen zu einer Vernachlässigung ihrer Kernaufgaben – und zu zusätzlichen Kosten, so der Stadtrat.

Der Schulpsychologische Dienst und die Jugend- und Familienberatung würden Überzeitkosten von 20 beziehungsweise 10 Stellenprozenten melden, schreibt der Stadtrat. Eine differenzierte, zeitintensive Beratungs- und Abklärungsarbeit werde vermehrt durch akute Interventionsfälle verdrängt. Lehrpersonen und Schulleitungen würden zwar keine direkten Mehrkosten verursachen, da es für sie keine Kompensationsmöglichkeiten gebe – dafür sähen sich diese noch stärker dazu gezwungen, Arbeitszeit aus ihren Kernaufgaben zugunsten der anfallenden Mehraufgaben zu opfern.

 

Konflikte nehmen zu

Der Stadtrat weist auf eine Zunahme von Konflikten hin, die zuvor vom Schulsozialdienst durch Früherkennung und -intervention entschärft werden konnten. Ohne sozialpädagogisch ausgebildete Ansprechpersonen würden Konflikte vermehrt erst auf einer höheren Eskalationsstufe behandelt. «Der Druck, schwerwiegende Massnahmen wählen zu müssen, nimmt zu», so der Stadtrat. Dies wiederum belaste den Schulpsychologischen Dienst, die Jugend- und Familienberatung, die Schulbehörde sowie die Vormundschaftsbehörde – laut Stadtrat ein «Teufelskreis».

Darüber hinaus fänden sich seit dem Wegfallen der Schulsozialarbeit Lehrpersonen und Schulleitung in einer «problematischen Doppelrolle» wieder, in der sie für Beratung und Bestrafung gleichzeitig zuständig seien. Der Stadtrat gibt zu bedenken, dass die erhöhte Belastung nicht nur die Qualität beeinträchtige, sie «nage auch an der Arbeitszufriedenheit». Ohne sozialpädagogisch ausgebildete Ansprechpersonen fühlten sich Mitarbeitende vermehrt allein gelassen.

Die Verantwortung für Präventionsarbeit liegt seit der Abschaffung der Schulsozialarbeit bei den Schulleitungen. «Prävention muss auch ohne Schulsozialarbeit Anliegen und Aufgabe der Schulen bleiben», so der Stadtrat. Er räumt jedoch ein, dass die Zeitressourcen der Schulleitungen, die bereits von Mehrarbeiten betroffen seien, für Konzeptarbeit in diesem Bereich kaum ausreichten. Dazu ist laut Stadtrat durch die Einstellung des Programms ein wichtiges Langzeitziel gefährdet: «Zurzeit legen viele Dietiker Schuleinheiten ihr Schwergewicht auf die Festigung der Schulhauskultur. Oft sind jedoch die Schulleitungen durch akute Fälle derart beansprucht, sodass hierfür nötige Zeit fehlt.»

 

Dieser Artikel ist am 11.7.2011 in der Limmattaler Zeitung erschienen